Die an der Tagung gezeigten Präsentationen als PDF
Hauptreferate
Abstract: Neurowissenschaftliche Grundlagen
Neurowissenschaftliche Grundlagen des Lernens und ihre experimentalpsychologische Umsetzung - eine Leitlinie für die Schule?
Referent: Prof. Dr. Thomas Elbert, Universität Konstanz
Lernen beinhaltet die planvolle Vermittlung von Kenntnissen, Konzepten und Fertigkeiten. Neurowissenschaftliche wie psychologische Erkenntnisse belegen, dass dabei um qualitativ unterschiedliche Speicher- und Abrufprozesse aktiv werden, wodurch Lerninhalte am besten mit unterschiedlichen, zum Teil entgegen gesetzten Lernstrategien erworben werden. Im Vortrag werden die unterschiedlichen Formen von Gedächtnis und ihre neurowissenschaftlichen Grundlagen vorgestellt um daraus Hinweise für den Schulalltag abzuleiten:
Wie umfangreiche Studien zeigen, gibt Intuition für Lernstrategie keine gute Leitlinie und entsprechend ist die bisherige Schul- (und Hochschul-) praxis weit davon entfernt Lernvermittlung zu optimieren. Während Fertigkeiten, wie Skifahren oder Tennisspielen am besten durch Blöcke massierter Übung, also mehrere Stunden am Tag an aufeinanderfolgenden Tagen erlernt werden, gilt das Gegenteil für deklaratives, also willentlich abrufbares Wissen von Fakten. So fand bereits der bekannte Gedächtnisforscher Ebbinghaus am Ende des 19. Jh. im Selbstversuch heraus, dass Serien aus 12 Silben 68 Wiederholungen erfordern, wenn sie an nur einem Tag gelernt werden müssen, während 38 Wiederholungen ausreichten, wenn Lernen und Abruf über mehrere Tage verteilt worden waren. Hundert Jahre nach Ebbinghaus und nach solider psychologischer Befundlage besteht nun mit der zusätzlichen neurowissenschaftlichen Fundierung die Hoffnung, dass Pädagogen dieses Prinzip des verteilten Abrufs etwa beim Erlernen von Vokabeln berücksichtigen Statt massierter Übung empfiehlt es sich vergangene Lerninhalte in zeitlichem Abstand zu wiederholen. Die idealen Zeitabstände sind dabei eine Funktion des Zeitintervalls zwischen initialem Lernen und zu erwartendem Testzeitpunkt.
Experimentalpsychologische Untersuchungen (z.B. Rohrer & Pashler, 2007) zeigen, dass sich dadurch Verbesserungen von über 100% erzielen lassen. Ähnlich übertrifft das verteilte Lernen dasjenige massierter Übung beim Erlernen von Konzepten (Bjork & Kornell, 2008). Neurowissenschaftliche Studien zeigen, dass während des Gedächtnisabrufs, der Speicherinhalt neu organisiert und kodiert wird und dass auch im Schlaf Gedächtnis reorganisert wird, ja sogar in andere neuronale Strukturen «umzieht». Hieraus lassen sich weitere, zu testende Empfehlungen erarbeiten. So kann daraus abgeleitet werden, dass der Test (Abruf) und weniger das Studieren (primärer Speicher) der kritische Faktor für die Fähigkeit ist, explizite Information auch nach langer Zeit wieder abrufen zu können. Schüler sollten daher eher dazu angehalten werden, mögliche Testfragen zu entwerfen und zentrale Punkte selbständig abzurufen, denn Kursmaterialien einfach nochmals zu studieren und Punkte darin hervorzuheben. Die Lehrenden sollten am Ende der Stunde nicht die Inhalte dieser, sondern diejenige vorangegangener Stunden zusammenfassen. Da diese Methoden aber der Intuition widersprechen, erscheint es notwendig die Macht der experimentellen Untersuchungen der Pädagogik zu vermitteln.
Abstract: Was nützen die Erkenntnisse der Neurowissenschaften für das Unterrichten?
Intelligentes Wissen als der Schlüssel zum Können
Referentin: Prof. Dr. Elsbeth Stern, ETHZ
Alles, was wir in einem bestimmten Inhaltsbereich wissen und können, müssen wir zuvor – oft recht mühevoll – lernen. Diese eigentlich triviale Tatsache gewinnt vor dem Hintergrund der Diskussion um Bildungsinhalte zunehmend an Bedeutung. Lohnt es sich angesichts der sich schnell ändernden Welt überhaupt noch Inhaltswissen zu erwerben, oder sollte man dieses zugunsten der Vermittlung von Schlüsselqualifikationen und Lernstrategien zurückzustellen? Mit dieser Position werde ich mich sehr kritisch auseinander setzen. Lern- und Denkstrategien sind nämlich untrennbar an den jeweiligen Inhaltsbereich gebunden, und alle Versuche, solche Kompetenzen losgelöst von anspruchsvollen Inhalten zu trainieren, müssen als gescheitert betrachtet werden. Allerdings kann Inhaltswissen im Gedächtnis mehr oder weniger intelligent abgelegt werden und ist damit mehr oder weniger geeignet zur Bewältigung neuer Anforderungen. Wie Lernumgebungen beschaffen sein müssen, damit intelligentes, breit einsetzbares Wissen erworben werden kann, wird ausführlich behandelt. Worin sich Menschen in ihren Lernvoraussetzungen unterscheiden und inwieweit solche Unterschiede durch Anstrengung und Fleiß ausgeglichen werden können, wird ebenfalls angesprochen.
Abstract: Was nützen die Erkenntnisse der Neurowissenschaften für die Sonderpädagogik?
Relevanz neurowissenschaftlicher Erkenntnisse für die Sonderpädagogik
Referent: Dr. Dominik Gyseler, Hochschule für Heilpädagogik Zürich
Neurowissenschaftliche Erkenntnisse können dazu beitragen, Entwicklungsbeeinträchtigungen wie die Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS), aggressives Verhalten oder schulische Minderleistungen besser zu verstehen. Voraussetzung dafür ist jedoch, dass die Sonderpädagogik Fragestellungen an die Neurowissenschaften richtet, die einen solchen Erkenntnisgewinn auch zulassen. Beispiele hierfür wären: Was genau ist bei Kindern mit einer ADHS beeinträchtigt, wenn von Unaufmerksamkeit die Rede ist? Warum entwickeln die einen hochbegabten Minderleistenden bei schulischer Unterforderung einen emotionalen Leidensdruck, andere Hochbegabte aber nicht? Und inwieweit ist es überhaupt noch möglich, die aggressiven Neigungen eines Jugendlichen einzudämmen? Im Vortrag wird entlang dieser und anderer Fragen skizziert, inwiefern Befunde aus der Hirnforschung für die Theorie und Praxis der Sonderpädagogik konkret von Bedeutung sind.

