Pädagogische Hochschule Thurgau

Die PHTG

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Abstracts der Referate

Schule als Fortsetzung der Religion mit anderen Mitteln?

Moritz Rosenmund, PHZH

Die im Titel nahe gelegte These einer Isomorphie von Religion und Bildung soll nicht mit Verweisen auf die einstige kirchliche Eingebundenheit von Schule und deren Nachhall etwa in zahlreichen Begriffen begründet werden. Es kann dabei auch nicht nur um die mehr oder weniger erfolgreiche Einflussnahme religiöser Gruppen auf Bildungskonzeptionen und Curricula gehen. Die These der Isormorphie von Bildung und Religion bedarf vielmehr des Nachweises einer Ähnlichkeit ihrer für das vergesellschaftete Individuum konstitutiven Effekte – eines Nachweis, der es dann erlauben würde, nicht nur Bildung und Religion als institutionelle Sphären einander gegenüberzustellen und zu vergleichen, sondern Bildung unmittelbar als Religion zu thematisieren. Zu explorieren, (in)wieweit dies möglich und begründbar ist, ist das Ziel meines Einleitungsbeitrags zum Tagungsthema.

 

«Das religiöse Gefühl ist ein kräftiges Erziehungsmittel»*
Zur Säkularisierung des Fachs Religion


Anna-Verena Fries, PHZH


Es ist eine verbreitete Einschätzung der Veränderungen an der Volksschule, dass sie – als staatliche Einrichtung – von ihrer Gründung im ersten Drittel des 19. Jahrhunderts an einer Säkularisierung ausgesetzt sei. Wenn es sich so verhalten sollte, dann müsste die Verweltlichung wohl ganz besonders am Religionsunterricht ablesbar sein beziehungsweise müssten in den entsprechenden Lehrplänen die Wendepunkte in diese Richtung markiert sein. So naheliegend diese Position zunächst erscheint, so fragwürdig wird sie, wenn man einen Blick in das Regelwerk der Schule wirft. Diesem Beitrag dient daher der Lehrplan für die Primarschule im Kanton Zürich als Beispiel, um die Entwicklung des Fachs Religion zwischen 1832 und 2010 nachzuzeichnen, unter ausgewählten Aspekten zu untersuchen und schliesslich auch zu deuten. Dazu gehören Vergleiche der Bezeichnung des Fachs, seiner Inhalte sowie seines Status im Fächerkanon zu bestimmten Zeitpunkten. Es ist davon auszugehen, dass das gewonnene Material es erlauben wird, Schlussfolgerungen hinsichtlich der Säkularisierungsthese zu ziehen. Dann wird sich erweisen, ob der Begriff der Säkularisierung für den festgestellten Prozess angemessen ist. Darüber hinaus mag daraus eine Erklärung erwachsen, wie es kommt, dass sich dieses Fach bei aller wie auch immer erfolgten «Säkularisierung» grundsätzlich erhalten hat.

* Schweizerische Lehrerzeitung 25.10.1879

 

Selbstbeschreibung als Erlösung: Portfolioarbeit in der Lehrerinnen- und Lehrerbildung

Michaela Heid, Kathrin Keller, PHTG


Die Portfolioarbeit in der Aus- und Weiterbildung an Pädagogischen Hochschulen hat zum Ziel, Prozesse des individuellen Lernens zu dokumentieren und einer Selbstreflexion zu unterziehen. Unser Beitrag untersucht, inwieweit sich trotz der funktionalen und in diesem Sinne säkularen Rahmung Parallelen zu den Selbstdokumentations- und Selbstreflexionsstrukturen der Beichte ziehen lassen. Individuelle Erfahrungen werden in beiden Fällen, der religiösen Beichte wie der Portfolioarbeit, in einer bestimmten Art und Weise angesehen und reflektiert. Der Beichtvater repräsentiert das religiöse Deutungssystem, die Portfolioverantwortlichen repräsentieren das pädagogische Deutungssystem. Beide garantieren auf ihre Weise, dass Selbstthematisierung und Selbstreflexion unter das Regime der «Besserung» gestellt werden, zum Zustand des Seelenheils einerseits, zum Zustand der Lehrkompetenz andererseits. Insofern kann institutionalisierte Portfolioarbeit tatsächlich als eine «Läuterungspraxis» begriffen werden. Unser Beitrag fragt weiterhin, welche Rolle die Institution (PH) spielt, in deren Rahmen ‹Sünden› und ‹Läuterungen› eingebettet sind: Leistet sie Beistand oder beurteilt sie die Läuterungspraxis (zu denken ist an die Bewertung der Portfolioarbeit in den Diplomprüfungen)? Und wovon wird erlöst? Lernprozesse sollen sichtbar gemacht werden, gleichzeitig aber auch das lernende Subjekt selbst. Besteht die Erlösung in der Selbstdeutung, dem Nacherleben und -erzählen eigener Erfahrungen, oder doch in der Deutung von aussen, die wie religiöses Wissen wirkt? Während die wissenssoziologische Religionssoziologie (Luckmann, Knoblauch) konstatiert, die Entinstitutionalisierung gewinne an Bedeutung und das Gewicht der Privatsphäre nehme zu, entsteht beim Portfolio ein gegenteiliger Eindruck. Gerade die Darstellung von Persönlichem und Privatem und ihre Überführung in organisatorischinstitutionelle Zusammenhänge scheinen zu einer zunehmenden Funktionalisierung des Privaten und einer Entprivatisierung der Person zu führen.

 

Religiöse Überzeugung versus professionelle Distanzierung in der Lehrerbildung

Caroline Bühler, Angela Stienen, PHBern

Unser Beitrag basiert auf einem Forschungsprojekt im Rahmen des NFP 58, in dem wir der Frage nachgingen, ob und inwiefern die programmatischen und strukturellen Veränderungen der Lehrerinnen- und Lehrerausbildung und die damit einhergehende Neudefinierung des Professionsverständnisses zu Zielkonflikten führen. Dabei interessierten besonders Christinnen und Christen unter den Studierenden, die sich an den Pädagogischen Hochschulen offensiv zu ihrem Glauben bekennen. Vor dem Hintergrund der Forderung, ‹reflexive Kompetenz› zu einem zentralen Bestandteil des neuen beruflichen Selbstverständnisses zu machen und dem damit zusammenhängenden Schlagwort der ‹Reflexiven Professionalisierung› an den Schweizer PH behaupten wir, dass die Auseinandersetzung mit den Gläubigen das ungeklärte Verhältnis zwischen Reflexivität als Bekenntniskultur und Wissenschaftlicher Reflexivität zum Ausdruck bringt. Im latenten Konflikts zwischen säkularer und religiöser Weltdeutung, der die institutionell verordneten Reflexivitätspraktiken prägt, scheinen die bekennenden Christinnen und Christen unter den Studierenden als provozierende Nonkonformisten auf den Plan treten.

 

«Wir Christen»: Evangelikale Gläubige zwischen Inklusion und Exklusion. Das Beispiel evangelikaler Lehrpersonen

Verena Hoberg, PHBern

In der aktuellen Debatte um evangelikale Lehrpersonen scheint eine allgemeine gesellschaftliche Unsicherheit im Umgang mit evangelikalen Gruppen auf. Der Vortrag möchte sich vor diesem Hintergrund mit der These auseinandersetzen, dass diese Unsicherheit vor allem auf einer besonderen Strukturlogik beruht, die für das Christentum im Allgemeinen konstitutiv ist und die sich im evangelikalen Glauben verstärkt: Die grundsätzlich christliche Spannung zwischen Inklusion und Exklusion zeigt sich, so die These, in den evangelikalen Gruppen durch die Vorstellung der Bekehrung als Grundlage des Glaubens in besonderer Weise. Der Glaube an eine «Wiedergeburt» in der Bekehrung zu Gott führt zu einer Offenheit evangelikaler Gruppen, zu der potentiell jeder dazu gehören kann, und zu einem SichÖffnen im (missionarischen) Sprechen über den eigenen Glauben einerseits, zur Abschottung gegenüber denen, die den Schritt zur «Erweckung» nicht getan haben, auf der anderen Seite. Diese Perspektive wird von «aussen», also nicht-evangelikaler Seite, übernommen und zeigt sich in einem Gefühl des Ausgeschlossen-Werdens bei gleichzeitiger Angst vor (missionarischer) Vereinnahmung und Übergriffigkeit. Diese Dynamik erzeugt eine Grenze, an der die Zuordnung zu einer Gruppe gewissermassen der Logik eines Coming-Out folgt, indem man sich klar für die eine oder andere Seite entscheiden muss. Für evangelikale Lehrpersonen dürfte diese Polarisierung in besonderer Weise wirken, da sie sich, noch verstärkt durch die aktuelle Debatte, in der der Glauben wieder zur Gretchenfrage zu werden scheint, mit der Frage auseinandersetzen müssen, ob sie sich klar in ihrem Glauben positionieren oder ihn verbergen. In der objektiv-hermeneutischen Analyse von Interviews mit Lehrpersonen soll im Vortrag der Frage nachgegangen werden, inwieweit und wie sich eine solche Spannung im einzelnen Fall in der (beruflichen) Biografie von Lehrpersonen zeigt und was sie gegebenenfalls jeweils für die Lehrpersonen und ihre professionelle Beziehung zu den SchülerInnen bedeutet.