Portfolios in der Lehrerinnen- und Lehrerbildung: Funktionen und Potentiale eines innovativen pädagogischen Mediums

Portfolios in der Lehrerinnen- und Lehrerbildung: Funktionen und Potentiale eines innovativen pädagogischen Mediums

Projektbeschrieb

Der Begriff Portfolio, ursprünglich aus Kunst und Wirtschaft stammend, hat vor gut zwanzig Jahren Einzug in das Bildungswesen gehalten. Im Bildungskontext bezeichnet Portfolio eine von einzelnen Akteuren (Schülerinnen und Schüler, Studierende, auszubildende oder praktizierende Lehrkräfte, Schulen) selbst angelegte Dokumentation über eigene Lern- und Entwicklungsprozesse. In der Institutionalisierung entsprechender Dokumentationsformen verbinden sich typischerweise Funktionen der Förderung, Entwicklung und Qualifikation einerseits mit Funktionen der Bewertung, Beurteilung und Selektion andererseits.

Unser Forschungsprojekt untersucht den Einsatz von Portfolio als Medium in der Aus- und Weiterbildung von Lehrkräften. Die Einsatzbereiche, die Ausgestaltungsformen und auch die zugewiesenen Funktionen von Portfolio sind in diesen Feldern sehr vielgestaltig. Auch zeugen Praxisberichte von typischen Umsetzungsschwierigkeiten - so beispielsweise von einer Unterausnutzung individueller Gestaltungschancen und von unerfüllten Erwartungen an Struktur- und Bewertungsvorgaben. Unser Forschungsprojekt geht von der Annahme aus, dass sowohl die Formenvielfalt als auch die Schwierigkeiten und Handlungsunsicherheiten im Einsatz von Portfolio dadurch zu erklären sind, dass dieses Medium unterschiedliche Funktionen zu bedienen hat; Funktionen, die sich unter den Begriffen der Reflexionsfunktion und der Laufbahnfunktion zusammenfassen lassen. Diese Funktionen lassen sich nicht gleichzeitig optimieren. Sie erfordern deshalb in der Praxis fallspezifische Entscheidungen und Anpassungen. Aus der Annahme einer funktionalen Spannung folgt, dass die auftretenden Entscheidungsunsicherheiten von Studierenden, Lehrkräften, Dozierenden, Mentoren und Bildungsplanern als systematisch anzusehen sind. Es ist daher nicht zu erwarten, dass die Ungewissheiten durch Lernprozesse und Gewöhnung an das neue Ausbildungsmedium verschwinden werden. Weitergehend ist zu vermuten, dass die Entscheidungsunsicherheiten in der Praxis umso dringlicher ausfallen, je verschiedenartiger die Funktionen sind, die Portfolio im jeweiligen Fall bedienen soll und je höher die Leistungserwartungen in Bezug auf die einzelnen Funktionen angesetzt werden.

Wissenschaftlich gesehen erweitert unser Projekt einen jungen Forschungsbereich. Obwohl es inzwischen eine umfangreiche Literatur über Portfolio im Bildungsbereich und speziell in der Lehrer- und Lehrerinnenbildung gibt, sind nur wenige empirische Studien darunter. Für die Praxis der Lehrerinnen- und Lehrerbildung (in Aus- und Weiterbildung), der Schulentwicklung, der Professionsvertretung und der Bildungsplanung wird das Projekt aufzeigen, welche Einsatzbedingungen für Portfolio gestaltet und verändert werden können, um den ermittelten Funktionsbeschränkungen besser gerecht zu werden. So können weitere Entwicklungspotentiale des Mediums erschlossen sowie unnötige Umsetzungsschwierigkeiten vermieden werden. Eine systematische Erfassung und Erklärung des Formen-Funktionen-Zusammenhangs wird es ermöglichen, relativ konkrete Empfehlungen auszusprechen.

Methodisch arbeitet das Forschungsprojekt mit vergleichenden Fallstudien, die mit den Mitteln der qualitativen Sozialforschung (problemzentrierte Interviews, Beobachtungen, Dokumentenanalysen) erschlossen, beschrieben und analysiert werden. Erhoben wird der Einsatz von Portfolio an zwei Schweizer und einer deutschen Pädagogischen Hochschule (PH Thurgau und PH/FH Nordwestschweiz, beide CH, Pädagogische Hochschule Weingarten, D), und dies jeweils für die drei Phasen Ausbildung, Berufseinführung und Weiterbildung. Die Fallanalysen und Fallvergleiche haben zum Ziel, die Forschungshypothese über den Zusammenhang von funktionaler Spannung, Handlungsunsicherheit und Entscheidungsbedarf zu validieren, gegebenenfalls zu modifizieren und sie schliesslich theoriegeleitet über die erhobenen Fälle hinaus zu generalisieren.

Bearbeitung

Achim Brosziewski (Projektleitung)
Kathrin Keller
Michaela Heid

Kooperationspartner

Fachhochschule Nordwestschweiz
Pädagogische Hochschule Weingarten
Dachverband Schweizer Lehrerinnen und Lehrer (LCH)

Finanzierung

DORE/SNF (Projekt Nr. 13DPD3-122103/1)

Laufzeit

03/2009 - 02/2011

Publikationen

Brosziewski A., Heid M., Keller K. (2011): Portfolioarbeit als Reflexionsmedium der Lehrerinnen- und Lehrerbildung - Befunde einer qualitativen Studie und eine reflexionstheoretische Verortung.
PHTG Forschungsbericht Nr. 11