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18.01.20 Beurteilen können im Spannungsfeld von Wissen, Wollen und Müssen

Mit dem im Lehrplan 21 beschriebenen Kompetenzbegriff ist die Komplexität der Beurteilung gestiegen. Rund 300 Weiterbildnerinnen und Berater aus den Pädagogischen Hochschulen der Deutschschweiz widmeten sich am 18. Januar 2020 dem Thema an der dritten interkantonalen Weiterbildungs- und Vernetzungstagung zur Einführung des Lehrplans 21 von swissuniversities. Von der Pädagogischen Hochschule Thurgau nahmen 17 Dozierende aus verschiedenen Fachbereichen an der Tagung teil. Zudem hat die PHTG drei Gäste aus dem AVTG eingeladen.

In vierzig Workshops – drei davon unter der Leitung von Dozierenden der PHTG – diskutierten die Expertinnen und Experten Aus- und Weiterbildungsinhalte und -ansätze zur Beurteilung im kompetenzfördernden Unterricht. Gesprächsgrundlage bildeten die beiden Einstiegsreferate der Tagung: «Grundlagen und Umsetzung in einer kompetenzfördernden Beurteilung» von Hanni Lötscher, Leiterin des Studienbereichs Bildungs- und Sozialwissenschaften an der PH Luzern, und «Herausforderungen der Beurteilung und Selektion» von Markus Neuenschwander, Leiter des Forschungszentrums Lernen und Sozialisation an der PH Fachhochschule Nordwestschweiz.

In der zunehmenden Bedeutung der formativen Beurteilung ortet Hanni Lötscher in ihrem Referat eine der grössten Chancen der Kompetenzorientierung mit Lehrplan 21. Eine intensive Auseinandersetzung mit gehaltvollen Aufgaben ermöglicht den Aufbau von Wissen, Können und Wollen, welches kompetent handelnde Schülerinnen und Schüler auszeichnet. Durch die Klärung von Leistungserwartungen oder Feedback unterstützen Lehrpersonen die Lernenden in dieser Auseinandersetzung und beim Verstehen ihres eigenen Lernens. Zudem sind die Lernenden zu befähigen – und zu ermutigen – sich gegenseitig als lehrreiche Ressourcen zu nutzen, z.B. durch Peer-Feedback. Lötscher zeigt weiter auf, wie eng Lernen und Beurteilen miteinander verknüpft sind. So beeinflusst beispielsweise die Art der Überprüfung am Ende eines Lernprozesses die Steuerung des Lernens mehr als alles andere: «Das was geprüft wird, was zählt, das lerne ich!». Lehrpersonen sind also gefordert, bereits in der Planungsphase kompetenzorientierte Überprüfungsformen vorzusehen, welche die Qualität der flexiblen Anwendung des Wissens und Könnens auch fair und leistbar zu ermitteln vermögen.

Markus Neuenschwander zeigte in seinem Referat auf, dass die Bewertung der Lehrperson weitaus stärker durch den Klassenkontext (Bezugsgruppeneffekt) und das Herkunftsmilieu (Herkunftseffekt) der Schülerinnen und Schüler beeinflusst wird, als von deren effektiv feststellbaren Leistung. Die Auswirkungen dieser Chancenungerechtigkeit auf die Schullaufbahnen wurde anhand ausgewählter Forschungsresultate veranschaulicht. Die Bezugsgruppen- und Herkunftseffekte können sich nach Neuenschwander noch verstärken, wenn die Beurteilung neben den fachlichen auch die überfachlichen Kompetenzen berücksichtigt, wenn Zeugnisnoten als Ergebnis einer Gesamtbeurteilung verstanden werden oder wenn neben den Fachleistungen auch Lern- und Arbeitshaltung in die Selektionsentscheidung einfliessen. Damit würde die Kompetenzorientierung die Gefahr chancenungerechter Beurteilung zusätzlich erhöhen.

Diese Aussagen machen nachdenklich. Denn in vielen Deutschschweizer Kantonen scheinen in Promotions- und Übertrittsreglementen ebensolche Aspekte unter Schlagworten wie «ganzheitliche Beurteilung» bzw. «professioneller Ermessenentscheid» vermehrt auf. Als Antwort zeigte Neuenschwander konkrete Wege auf, wie sich Chancenungerechtigkeit reduzieren liesse. So vertritt er beispielsweise die Meinung, dass überfachliche Kompetenzen für die Promotions- und Selektionsentscheidungen weniger zentral gewichtet werden könnten und schlägt vor, die Beurteilung überfachlicher Kompetenzen vor allem bei der Berufswahl einfliessen zu lassen.

Weiter könnte der Aufbau klassenübergreifender Referenzsysteme innerhalb der eigenen Schuleinheit oder in Schulverbänden vergleichbarere und gerechtere Bewertungen ermöglichen, in dem sie Lehrpersonen ein einheitliches kompetenzorientiertes Beurteilungssetting für die Planung, Durchführung und Auswertung bieten. Auch die regelmässige gemeinsame Beurteilung komplexer Leistungen anhand fach- und stufenspezifischer Produkte anhand von Ankerbeispielen oder Schulungsvideos könne dazu beitragen, klassenbezogene Referenzgruppeneffekte zu reduzieren.

Die Minimierung von Herkunftseffekten bei der Beurteilung bedingt, dass Lehrpersonen bezüglich der sozialen Stereotypen, welche zu Verzerrungen führen, sensibilisiert sind. Lehrpersonen müssen sich ihrer konkreten Leistungserwartungen gegenüber Schülerinnen und Schülern mit hohem und tiefem sozio-ökonomischen Status bewusst sein (vgl. SCALA-Ansatz). Faire Leistungserwartungen gegenüber Lernenden aus bildungsfernem Milieu sind eine wichtige Voraussetzung für die Gestaltung wirksamer Lernsettings und chancengerechter Beurteilung.

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